Ju 52 - Tante Ju von Lufthansa

Ju 52 – an Bord einer fliegenden Legende

Nostalgisch Reisen ist immer etwas besonderes. Das romantische Sentiment ist dabei das eine, daß man überhaupt noch mit Stil reist, das andere. Grandiose Touren mit dem Orient-Express Zugreisen oder mit einem besseren Kreuzfahrtschiff fallen einem da sofort ein. Aber es gibt noch andere Möglichkeiten und diese liegen mitunter näher vor der eigenen Haustür, als man glaubt. Und sie können nicht weniger außergewöhnlich sein, im Gegenteil. Zum Beispiel eine Flugreise mit der Ju 52 durch Deutschland – einem Flugzeug, das 76 Jahre jung ist.

Ju 52 Flüge – ein Angebot der Lufthansa

Eingefleischten Luftfahrt-Enthusiasten ist sie natürlich ein Begriff: die Junkers 52, eine fliegende Legende. In den 30er Jahren war sie das meistgebaute und meistgeflogene Verkehrsflugzeug der Welt, die Deutsche Lufthansa setzte sie – als wichtigsten Flugzeugtyp – auch in Asien und Südamerika ein. Unsere Maschine, die »Berlin-Tempelhof«, flog in den 70er Jahren als »Iron Annie« durch die USA, bevor sie 1984 von der Lufthansa zurückerworben und aufwendig restauriert wurde.

Ju 52 der Lufthansa Berlin Stiftung

Ju 52 der Lufthansa Berlin Stiftung

Ein Streckenflug mit dieser Maschine bietet ein einzigartiges Erlebnis, eine Verbindung aus Technikfaszination, Landerleben und echter Aviatik-Atmosphäre, wie sie heute nur noch selten zu finden ist. Gründe genug also, das Angebot der Lufthansa-Berlin-Stiftung anzunehmen, mit dieser Maschine ein Stück Deutschland von oben zu sehen und sich ein Reiseerlebnis wie in den 30ern zu gönnen.

Von März bis Oktober werden an vielen Flughäfen Deutschlands, namentlich den kleineren in der Provinz, lokale Rundflüge mit der »Tante Ju«, wie sie auch liebevoll genannt wird, angeboten. Doch das Fliegen einmal ist Kreis herum ist ein bischen wie Karusellfahren – mit Reisen im eigentlichen Sinne hat das nichts zu tun. Wir haben uns daher für einen der angebotenen Streckenflüge entschieden, einen Flug von Leipzig nach Eisenach ausgewählt und diese Gelegenheit gerne genutzt, am Zielort mal wieder die Verwandschaft zu besuchen.

Tante Ju – Flugreisen exklusiv

Ja, Sie haben richtig gelesen, Eisenach. Eine mittlere Kleinstadt im Westen Thüringens, die zwar bekannt ist für die berühmte Wartburg und vielleicht auch noch als Wirkungsstätte Luthers, Geburtsstadt Johann Sebastian Bachs oder als Opel-Fabrikort, aber kaum dafür, daß sie auch einen Flughafen hat.

Nun, wenn man das ursprüngliche Flair des Fliegens hautnah erleben will, dann bietet ein solch leicht verschlafener Landflugplatz durchaus mehr als ein hyperfrequentierter Metropolenflughafen.

Die Ju-52-Flüge werden unter regulären Lufthansa-Flugnummern geführt. Man liest also am Abflughafen auf der Anzeigetafel nicht »London« oder »Wien«, sondern »Eisenach« – wir haben auf einem Flughafen noch nie ein vergleichbares Gefühl der Exklusivität erlebt wie in diesem Augenblick.

Begrüßung durch die Tante Ju Besatzung auf dem Flughafen Leipzig (LEJ)

Begrüßung durch die Tante Ju Besatzung auf dem Flughafen Leipzig (LEJ)

Die Maschine war schon vorab auf dem Schkeuditzer Vorfeld zu sehen – auch dieser Anblick etwas besonderes für den stillen Genießer. Nach ausgesprochen entspannter Abfertigung an der Maschine angekommen, wurden die wenigen Passagiere von der Besatzung besonders freundlich begrüßt und es entspann sich sogleich eine persönliche Atmosphäre, die geprägt war von der kennerischen Freude aller Beteiligten an diesem außergewöhnlichen Ereignis.

Betrieben werden diese Flüge von Lufthansa-Angehörigen, die dies unentgeltlich aus Enthusiasmus tun. Wir haben nie zuvor eine charmantere Flugbegleiterin erlebt als an diesem Tag. »Dies ist das bestgewartete Flugzeug der Deutschen Lufthansa« erklärte sie beim Rollen zum Start – die gründlich restaurierte Ju 52 verbringt jeden Winter einige Monate unter den Fittichen der Techniker im Hangar.

Auch eine Art Luxus man schwebt über’s Land & sieht alles

Auch eine Art Luxus man schwebt über’s Land & sieht alles

Die Landschaft genießen

Wer nun ein besonders lautes Dröhnen der drei Sternkolbenmotoren oder lästige Vibrationen erwartet hätte: nichts dergleichen. Die Maschine rollte zum Start auf der Südbahn des Schkeuditzer Flughafens, direkt vis-à-vis der gigantischen neuen DHL-Frachtzentrumsanlagen. Sie surrte wie eine alte Nähmaschine und war nach wenigen hundert Metern Startstrecke in der Luft …

Der Flug bis Eisenach dauerte 45 Minuten und führte entlang der Strecke Naumburg–Weimar–Erfurt, über ein Herzland deutscher Kultur. Aus einer Flughöhe von etwa 500 Metern war praktisch jedes Haus gut zu erkennen, was besonders reizvoll ist, wenn man die überflogenen Gegenden etwas genauer kennt.

Unter anderem gesehen das berühmte 7000 Jahre alte Gosecker »Sonnenobservatorium« (bei Naumburg)

Unter anderem gesehen das berühmte 7000 Jahre alte Gosecker »Sonnenobservatorium« (bei Naumburg)

Aviatik-Luft, ungefiltert

An Bord ergaben sich natürlich angeregte Gespräche. Was der an diesem Tag fliegenden Besatzung gar nicht bewußt war: der Flughafen Eisenach-Kindel  war einmal für kurze Zeit, von 1959 bis 1961, eine reguläre Liniendestination der Deutschen Lufthansa (Ost). Lang’ ist’s her …

Wir landeten weich und elegant auf der Piste von Eisenach und rollten zur Park- bzw. Tankposition. Nach dem Ausstieg gab es auf dem Vorfeld noch ausgiebig Gelegenheit, die Maschine zu bestaunen und zu photographieren, mit den Besatzungsmitgliedern zu sprechen und sich Flughafenluft um die Nase wehen zu lassen. Wir haben dies ausgiebig genossen – auf welchem der größeren Verkehrsflughäfen wäre das heute auch nur ansatzweise denkbar?

Die Ju 52 in Tankposition auf dem Vorfeld von Eisenach-Kindel

Die Ju 52 in Tankposition auf dem Vorfeld von Eisenach-Kindel

Den Punkt auf’s i setzte dann aber ein Eisenacher, der plötzlich mit einem echten Dixi aus dem Hangar gefahren kam und, mit unserer Flugbegleiterin auf dem Beifahrersitz, eine Ehrenrunde um das Flugzeug drehte. Dies war mehr als nur eine nostalgische Laune, denn die Dixies wurden (als Austin-Lizenzproduktion) in den 30er Jahren von ebenjener Eisenacher Firma gebaut, die seit 1937 auch Propellermotoren für die Junkers 52 herstellte. Ein sehr spezieller Gruß also, den das scheinbar unscheinbare Eisenach der famosen Junkers an diesem Abend entbot.

Eisenacher Technikgeschichte auf dem Vorfeld vereint die Ju 52 und ein Dixi

Eisenacher Technikgeschichte auf dem Vorfeld vereint die Ju 52 und ein Dixi

Der aktuelle Flugplan der Ju 52 ist auf der Webseite der Lufthansa-Berlin-Stiftung zu erfahren. Dort kann man auch die Flüge direkt buchen. Je nach Flugdauer und Zielort rangieren die Preise derzeit zwischen 92 und 372 Euro. Die Maschine bietet 16 Passagieren Platz. Rechtzeitige Reservierung wird empfohlen, da etliche Kurse im Voraus bereits ausgebucht sind.

Jedem, der stilvolles Reisen liebt, kann ich eine solche Reise mit der Tante Junur ans Herz legen.

Reisebekleidung Einreiher (Fischgrätmuster schwarz-grau, Wolle), marineblauer Pullover, hellbraune Baumwollhose

Reisebekleidung Einreiher (Fischgrätmuster schwarz-grau, Wolle), marineblauer Pullover, hellbraune Baumwollhose

Dieser Artikel wurde von Gentleman’s Gazette Leser Andreas Stötzner verfasst. Falls auch Sie Ihre Reiseberichte mit uns teilen möchten, oder einen Artikel Rund um das Thema Herrenkleidung beisteuern möchte, so zögern Sie nicht uns zu kontaktieren. Wie freuen uns auf Ihre Email!.

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Wir freuen uns über ihren Beitrag!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>