Saxonia Classica Messe Impressionen

Saxonia Classica – Vom Luxus, Alt und Neu zu vereinen

Vintage ist in, Nostalgie ist als unvermeidbarer Bestandteil stilvoller Lebensführung ungebrochen relevant. Nicht jeder kann einen 70 Jahre alten Rolls-Royce fahren. Aber kultivierte Kleidung im Stil der 20er oder 30er ist beliebter denn je; man trägt gerne Hornbrille und Maßschuhe, man tanzt zu Swing, man geht zu ausgesuchten Schneidern, Möbeltischlern, Uhrenmachern. Und wie leicht setzt man sich dabei dem Verdacht aus, ein Snobist und unverbesserlicher Nostalgiker zu sein.

Salzmann Waffen Gravuren

Salzmann Waffen Gravuren

Dieses Vorurteil verliert schlagartig an Kontur, begegnet man Protagonisten, die sich zu Stil bekennen, sei es als Produzent, Händler oder Kunde. Tradition–Innovation, das muß kein Gegensatz sein, das kann sogar eine höchst fruchtbare Kombination ergeben, die zu erstaunlichen, unser Leben auf einzigartige Weise bereichernden Ergebnissen führt. Davon überzeugen konnte man sich auf der unlängst zuendegegangenen Messe Saxonia Classica, die sich die Präsentation handwerklicher Luxusgüterproduktion mit einem breiten Branchenspektrum zur Aufgabe gemacht hatte und – soviel scheint bereits festzustehen – von Besuchern wie Ausstellern als großer Erfolg gewertet wird.

Saxonia Classica Messe Oldtimer

Saxonia Classica Messe Oldtimer

Die Messe präsentierte auf dem historischen Dresdner Austellungsgelände (das dafür den perfekten Rahmen bot) den Schwerpunkt Oldtimer-Fahrzeuge kombiniert mit einer Fülle an weiteren Gewerken, von Bekleidung und Maßschuhen über Accessoires wie Schmuck und Uhren bis zu Schmiedekunst und Raumausstattung. Diese Kombination war nicht die einzige Besonderheit. Eine weitere lag in der Zusammenführung von Handels-, Manufaktur- und Restaurierungsfirmen. Dem Besucher bot sich dadurch ein vielgestaltiges Bild der Hersteller und Anbieter von traditionsbezogenen Luxusgütern, wie es in der deutschen Messelandschaft derzeit einmalig ist.

Edle Kleidung

Manufaktur Thierfelder Hemden

Manufaktur Thierfelder Hemden

Eine kleine aber feine Riege von Schneiderei- und Modebetrieben präsentierte ein erlesenes Bekleidungsangebot, das für mich vor allem eine besondere Überraschung bereithielt: die Manufaktur Thierfelder. Doreen Thierfelder produziert in ihrer Chemnitzer Werkstatt mit drei Mitarbeiterinnen Herrenhemdenund Damenblusen, in denen eine besondere Verbindung höchster handwerklicher Meisterschaft mit sicherem Stilempfinden und raffinierter Kreativität zu spüren ist. Das Sortiment bietet sowohl das klassische Herrenhemd für den Geschäftstag in erlesenen Stoffen als auch eine Fülle völlig neuartiger Details: so etwa am Stoffmuster orientierte ungewöhnliche Schnittvariationen, neue Kragenlösungen, Ärmelaufschläge oder raffinierte Fältelungen, die, in Manschetten und Schulterpasse eingearbeitet, als neuartiger Ausdruck klassischer Männlichkeit bestechen. Ein Modell aus der Serie »Chemise« interpretiert den Stehkragen überraschend mit aufgesetzten Schlaufen und einem dazugehörigen Binder – das Modell kann in drei (!) verschiedenen Modi getragen werden und überzeugt in jeder Variation.

Vecona Vintage Made To Measure

Vecona Vintage Made To Measure

Mit einer etwas breiter angelegten Kollektion für Damen und Herren präsentierte Vecona-Vintage aus Wiesbaden »kleidsames und stilvolles« mit Bezug zur Swing-Ära und in Anlehnung an die Mode der 20er bis 40er Jahre. Das Sortiment reicht vom klassischen Stresemann bis zur robusten Arbeits-Jeans für den Kraftwagen-Selbstschrauber, von nobel und doch bodenständig wirkenden Westen und Anzügen bis zu Marine-Chic mit Streifen für Sie und Ihn. Eleganz kommt hier als selbverständlicher Ausdruck eines bewußt gelebten persönlichen Stils daher. Bei der Schnittgestaltung wird Wert auf Bequemlichkeit gelegt, die Modelle sollen den Bedürfnissen heutiger Träger entsprechen, deswegen werden Vorbilder nicht einfach kopiert, sondern neu interpretiert. Apropos Swing: Das achtköpfige Vecona-Vintage-Team erfreute die Messebesucher nicht zuletzt durch eine hinreißende Beteiligung an live getanzten Modenschauen!

Maßschuhe

Preiß Légère Maßschuhe

Preiß Légère Maßschuhe

Das Maßschuh-Segment war durch die Firmen Preiß Légère, Kay Gundlack und Vickermann & Stoya vertreten. So bietet etwa Preiß Légère aus Dresden das klassische Maßschuhmacherhandwerk in vollendetem Stil und mit innovativen Lösungen für die Individualität des Trägers. Kay Gundlack verbindet ebendiese klassische Handwerkskunst mitunter mit außergewöhnlichen Material- oder Farbkombinationen und scheut auch nicht vor unkonventionellen Kreationen zurück, die den wagemutigeren Geschmack begeistern. Zahlreiche prominente Kunden, z.B. aus Deutschland und den USA, bezeugen das Renommé seiner Werkstatt, die im mecklenburgischen Parchim – zwischen Hamburg und Berlin – beheimatet ist.

Lederwaren, Accessoires

Aus dem Segment Lederbekleidung seien die exklusiven Cabrio-Jacken von Heinz Bauer Manufakterwähnt, die durch das

Janett Noack Porzellan

Janett Noack Porzellan

Handelshaus B. Thasler und Partner aus Berlin vorgestellt wurden. Bei den Accessoires fiel der Stand von Blickzurück – Anett Spola auf: Vintage-Brillen (und Schmuck), d.h. echte Brillengestell-Antiquitäten, aufbereitet und gepflegt für den heutigen stilbewußten Gebrauch.

Vintage-Brillen Blickzurück Anett Spinola

Vintage-Brillen Blickzurück Anett Spinola

Im Bereich Wohnkultur waren viele verschiedene Gewerke, Restauratoren und einige Möbelproduzenten präsent. Außergewöhnlich in ihrer Wirkung sind die von Janett Noack bemalten Porzellane: klassisch griechisches Ornament-Dekor sowie lebhaft-süffisant gemalte Erotica in verschiedenen Serien.

Uhren & Autos

Borgward Zeitmanufaktur Uhren

Borgward Zeitmanufaktur Uhren

Das hochwertige Uhrmacherhandwerk war durch eine Reihe renommierter Betriebe vertreten, von den beispielhaft die Borgward Zeitmanufakturaus dem badischen Efringen-Kirchen (bei Basel) erwähnt sei. Das besondere an den Borgward-Uhren ist ihre Verbindung zur deutschen Automobilgeschichte. Carl F. W. Borgward, der bereits als zwölfjähriger aus einem Uhrwerk (!) und einer Zigarrenkiste sein erstes Auto konstruierte, begründete ab 1939 in Bremen die legendäre Borgward-Autofabrikation, die bis Anfang der 1960er Jahre bestand. Seit 2002 fertigt Jürgen Betz exklusive Armbanduhren, die in Stil und technischer Präzision durch die Borgward-Automobile inspiriert sind. Jeder Borgward-Chronograph ist ein von Hand gefertigtes Unikat in zeitlos klassischem Design, mit feinsten Schliffen und edlen Perlierungen vervollkommnet.

Oldtimer

Oldtimer Mercedes Benz

Oldtimer Mercedes Benz

Damit ist der Bogen geschlagen zum Thema Automobil, das Initialzündung und thematischer Schwerpunkt der Messe war. Bis in die Nachkriegszeit war Sachsen ein Zentrum der deutschen Automobil-Entwicklung und -Produktion. Heute werden in sächsischen Produktionsstätten wieder Autos auf der Höhe der Zeit hergestellt, darunter Edelmobile von Porsche, BMW oder VW. Doch den Humus, auf dem die hiesige Automobilbranche wiedererblüht ist, bilden der sprichwörtliche sächsische Erfindergeist und eine vielfältige Szene kleinster, kleiner und mittlerer Spezialbetriebe, die nicht zuletzt vieles an Wissen und Können aus der alten in die neue Zeit retten konnten – und damit nicht nur als Zulieferer für Großkonzerne, sondern auch als exklusive Restaurierungsbetriebe für den Oldtimerbereich in Erscheinung treten. So verwundert es nicht, daß vor allem Firmen aus dem sächsischen Raum hier in Dresden ein Heimspiel feierten, und zwar mit einem fulminanten Auftritt.

Oldtimer Opel Kapitän Horch Cabriolet

Oldtimer Opel Kapitän Horch Cabriolet

Wer je ein Horch-Sportcabriolet aus den 30er Jahren im originalgetreu restaurierten Zustand gesehen hat, weiß, wovon die Rede ist. Gäbe es die Marke Horch heute noch, von Rolls Royce und Co. wäre weniger die Rede. Die Faszination dieser Automobile wurde von dutzenden Spezialfirmen präsentiert, vom Komplett-Restaurator bis zum Spezialanbieter für Autosattlerei, -Lackierung, Holzverarbeitung oder Handlinierung. Gerade diese Bandbreite der Firmen – neben den Händlern – machte den besonderen Reiz der Schau aus. Für die Besucher, aber gerade auch für die Aussteller selbst.

Reinhardt Scholz

Reinhardt Scholz

Einer von Ihnen ist Messe-Initiator Reinhardt Scholz, der sich mit seinem Oldtimer-Restaurierungsbetrieb insbesondere auf die Horch-Cabriolets spezialisiert hat. Seine Exponate sprechen – wie die der meisten anderen Aussteller – eine eindeutige Sprache: die der kompromißlosen Leidenschaft und Kompetenz für die Bewahrung einer klassischen automobilen Kultur, die so seit den 1930er Jahren nie wieder erreicht worden ist. Reinhardt Scholz hat mit der Saxonia Classicaquasi aus dem Stand eine neue Messe zu einem altem Thema erfunden: »Handwerkskunst – Luxus, der verbindet«. Denn der sorgfältig hergestellte Gebrauchsgegenstand wird erst so richtig schätzbar, schaut man einmal den Menschen über die Schulter, die diese Dinge durch ihrer eigenen Hände Arbeit und mit Können und Herzblut entstehen lassen. Daß dies auf höchstem Niveau erlebbar gemacht wurde, ist vor allem das Verdienst von Reinhardt Scholz und seiner Mitstreiter. – Dresden sollte dieser geschenkten Messe-Perle eine Zukunft geben, das Publikum wird es lohnen.

Oldtimer Mirbach Automobile

Oldtimer Mirbach Automobile

Von einer phantastischen und entspannten Atmosphäre und von guten Gesprächen war allenthalben die Rede, und von Netzwerkbildung, die den beteiligten Akteuren – und letzlich den Kunden – zugute kommt. »Hervorragend organisiert« war von vielen Ausstellern zu hören und »wir wollen wiederkommen, die Atmosphäre ist einzigartig«. »Ich habe zwei Wagen verkauft, das hätte ich nicht gedacht. Auch ohne diese Verkäufe wäre es für mich hier eine wunderbare Sache gewesen« gab Claus Mirbach aus Hamburg, einer der renommiertesten deutschen Oldtimer-Händler, zu Protokoll.

Aaglander Motorkutsche Probefahrt

Aaglander Motorkutsche Probefahrt

Dieser notgedrungen sehr ausschnitthafte Überblick der Saxonia Classica sei mit einer kurzen Vorstellung der fränkischen Firma Aaglander beendet, eine der wohl spektakulärsten Entdeckungen dieser Messe. Aaglander offeriert den »Luxus der Langsamkeit« und bietet Produkte an, die die Bezeichnung Motorkutsche erhalten haben. Diese Fahrzeuge verschlagen einem fast die Sprache: es sind tatsächlich Kutschen,so wie man sie sich vorstellt oder wie man sie aus Filmen kennt. Doch der Stil von 1888 wird hier kombiniert mit Antriebs- und Steuertechnik des Jahres 2012. Das Ergebnis ist eine handwerklich in Kleinserie gefertigte Edelkutsche, die, statt mit Pferdeantrieb mit einem Diesel- oder Elektromotor fährt. Die Urform des Automobils, 120 Jahre nach Carl Benz und Gottlieb Daimler neu definiert durch deutsche Ingenieure – mit einer normalen TÜV-Zulassung als Pkw!

Auf der Saxonia Classica ging es also nicht allein um Luxus, der aus hochwertigem Handwerk erwächst. Sondern auch – und vielleicht insbesondere – um Kreativität und Innovation, die ihren Nährboden in der Tradition haben und die zu phantastischen Produkten führen können, wenn dieser Nährboden phantasievoll gepflegt wird.

Video

Messeimpressionen von Bernd Lehmann:

Eine leicht abgeänderte Version dieses Artikels mit weiteren Videos finden Sie hier.

Anmerkung: Das Online-Ausstellerverzeichnis der Saxonia Classica ist derzeit leider nicht aufrufbar. Aber hoffentlich wird es bald wieder verfügbar sein.

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Wir freuen uns über ihren Beitrag!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>