Hänsel Echo

Hänsel Echo – das andere Herrenmodemagazin der 30er Jahre

Vor nicht langer Zeit konnte ich durch Zufall ein mir bis dato unbekanntes Modemagazin erwerben, das “Hänsel -Echo“. Wie sich bald herausstellte, handelt es sich dabei aber nicht direkt um ein Modemagazin, sondern um die damalige Werkszeitung der Firma “Hänsel & Co. A.-G.“, welche heute noch in veränderter Form existiert.

1933 Hänsel Echo Titelseite
1933 Hänsel Echo Titelseite

Ich möchte Ihnen dieses Magazin heute vorstellen, und Ihnen daraus eine Auswahl von sehenswerten Modezeichnungen Harald Schwedtfeger präsentieren. Beginnen werde ich zunächst mit einem Ausblick über die interessante Unternehmensgeschichte.

Die Geschichte

Im Jahre 1908 gründeten die Herren Bruno Henschke und Oswald Hänsel im Rahmen einer geschäftlichen Zusammenarbeit gemeinsam die Firma “Henschke & Co. Hänsel Rosshaar“. In der kleinen deutschen Stadt Forst, nahe der polnischen Grenze, wurde ein Werk eingerichtet und mit dem einträglichen Vertrieb von Einlagen -und Versteifungsstoffen aus Rosshaargeweben für das Bekleidungsgewerbe begonnen. Die Herstellung dieser Gewebe wurde von Oswald mit der Erfindung einer Maschineanlage zur Verspinnung eines endlosen Rosshaarzwirns perfektioniert.

Über diese technische Innovation wurde 1921 eigens ein Kurzfilm in den Werkshallen gedreht: “Die Entstehung des Zwirn-Roßhaar-Stoffes. Ein Besuch bei der Firma Hänsel & Co., Forst i.L.“. Leider konnte ich nichts über den Erhalt dieses Filmes herausfinden.

Rosshaar spielt in der traditionellen Damen -und Herrenschneiderei, besonders in der Sakkofertigung eine untenbehrliche Rolle. Heute ist es wohl nur noch in der Maßschneiderei zu finden.

Für die Schneiderei qualifiziert das Rosshaar als Versteifungs- und Polstereinlage vor allem eines: Es besitzt außerordentlich gute Dressiereingenschaften, unerlässlich für die Formgebung am Sakko. Die hohe Sprungelastizität und Robustheit der tierischen Faser garantieren eine lange Beständigkeit der atmungsaktiven Einlage. Rosshaargewebe gibt es in reiner Form, wie auch als Mischgewebe mit anderen natürlichen oder synthetischen Fasern verwoben.

Hänsel-Echo Herbst und Winter 1939-40 (Rückblatt S16)(Werbeanzeige)
Hänsel-Echo Herbst und Winter 1939-40 (Rückblatt S16)(Werbeanzeige)

Bereits wenige Jahre nach der Gründung erfuhr das Unternehmen durch einen Grossbrand einen schweren Rückschlag, konnte aber nach einem Neubau der Werke bald wieder die bisherigen Produktionszahlen von über einer Million Meter Rosshaargewebe pro Jahr erreichen. Zwischenzeitlich wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und erhielt den neuen Namen “Hänsel & Co. A.-G.“.

Hänsel Echo

1927 dann wurde die Werkszeitung “Hänsel-Echo“ ins Leben gerufen. Sie fungierte als Werbeorgan für die Hausmitteilungen und Produktpäsentationen der stetig wachsenden Firma, und wurde an das deutsche Schneider -und Konfektionsgewerbe ausgeliefert. Es erschien bis in die 40er Jahre zweimal im Jahr mit einer Auflage von über 100.000 Stück pro Ausgabe. Neben fachlichen Artikeln enthält es beeindruckende, teils Seitengroße Modezeichnungen  sowie Modellphotographien, welche ich Ihnen später im Detail vorstellen möchte.

Bleiben wir vorerst bei der Firmengeschichte.

In den 30er Jahren verfügte Hänsel über eine Marktvorstehende Postition im deutschen Reich und produzierte etwa die Hälfte aller herstellten Einlagenstoffe, welche zwischenzeitlich auch in expandierender Form im Ausland vertrieben wurden.

Die Warenpalette bestand aus einer Vielzahl Gespinste aus diversen Haararten -und Sorten, die jeweils spezielle Eigenschaften aufwiesen. Als Beispiel empfiehlt die Werkszeitung 1939 für die feine und feinste Innenverarbeitung von Gesellschaftskleidung Produkte der Reihe “Hänsel-Complet“, während für die Achselauflage die Serie “Hänsel-Aerax“ empfohlen wird.  Für Krageneinlagen stand die  Sorte “Hänsel-Forsta“ zur Verfügung.

Die Einlagen wurden in zugeschnittenen, anwendungsfertigen Formstücken verkauft, alle versehen mit dem eingewebten Firmenemblem, dem roten Hänsel-Pferd.

1933 Hänsel-Echo Reklame
1933 Hänsel-Echo Reklame

Für den Fall, dass das breite und universelle Angebot nicht sämtliche Kundenwünsche befriedigen konnte, bestand für den verarbeitenden Schneider die Möglichkeit der Selbstherstellung der “perfekten“ Mischung aus der Hänsel-Ganzeinlage  “Wollastine“, “Roßhaar“, “Haarlastik“, oder “Elsatine“.

Wie so viele erfolgreiche deutsche Unternehmensgeschichten des vergangenen Jahrhunderst endet auch die von Hänsel mit dem zweiten Weltkrieg, zumindest vorerst. Vor Zerstörung  verschont, beendeten Demontage und Enteignung den Fortbestand am Stammsitz in Forst. Hier trennten sich auch die Wege der Geschäftsmänner Hänsel und Henschke. Oswald Hänsel blieb in der sowjetischen Besatzungszone und gründete 1948 das „Hänselwerk Vereinigung volkseigener Betriebe“,  konnte sich jedoch sich den folgenden Jahren der jungen DDR nicht etablieren.

Bruno Henschke hingegen hatte in Westdeutschland mehr Glück. Er konnte schließlich in Iserlohn einen neuen Standort aufbauen, dem heutigen Stammsitz von ‚Hänsel-Textil“.

Die bisherige Haargarnspinnerei wurde in den 70er Jahren im Zuge veränderter Nachfragen zugunsten anderer Textilprodukte aufgegeben.  2009 durchlief das Unternehmen erfolgreich ein Insolvenzverfahren. Heute ist “Hänsel-Textil“ das einzige vollstufig produzierende Unternhemen von Einlagestoffen für die Modeindustrie in Deutschland, während das Tochterunternehmen Hänsel-Tec auf die Herstellung technischer Textilien für die Automoblindustrie und anderen Branchen spezialisiert ist.

Wenden wir uns nun dem modischen Inhalt und den Zeichnungen Harald Schwerdtfegers zu, dem langjährigen Modezeichner des “Hänsel-Echo“. Durch die Suche nach weiteren Modezeichnungen dieser Zeitschrift habe ich die erfreuliche Bekanntschaft von Herrn Martin Korsitzke gemacht, welcher eine ganze Reihe von Ausgaben besitzt, und mir freundlicherweise einige Auszüge zur Verfügung gestellt hat. Herzlichen dank an diesern dieser Stelle. Herr Korsitzke betreibt eine deutschsprachige Website zum Thema Modehistorie  auf welcher unter anderem diverse Modezeichnungen zu sehen sind.

Knickerbocker Hosen & Anzüge zum Wandern mit Spitzrevers
Knickerbocker Hosen & Anzüge zum Wandern mit Spitzrevers

Zeittypische Sportbekleidung der 30er Jahre

Das erste Bild  aus der Ausgabe 1930-31 zeigt eine Freizeitszene mit zeittypischer Sportkleidung.

Der Herr links mit Pfeife trägt einen kastanienbraunen Knickerbockeranzug aus kräftigem Stoff in diagonalgrat mit grobem Effektstreifen. Er ist kombiniert mit einem lachsrot-weiss gestreiftes Hemd, sowie einer Krawatte mit breiten schwarzen und tomatenroten Streifen. Der darüber getragene Pollunder ist in ähnlichem Rot gehalten. Obwohl ich die Kombination von drei verschiedenen Rottönen nicht wählen würde, wirkt es hier im Gesamtbild recht gut.

Vervollständigt wird das Outfit mit einer karierten, sandfarbenen Schierbermütze, die in farblichen Einklang zu den breitrippigen Kniestrümpfen stehen. Hellbraune Derbyschuhe mit dunkelbrauner Kappe bilden das Gangwerk.

Locker auf dem Stein stehend präsentiert sich uns der Nebenmann in einer tollen Kombination aus  dreiteiligem, grau-braun melierten Sportanzug mit feinem, blauem Überkaro. Die Jacke ist auf der Front mit aufgesetzten, knöpfbaren Pattentaschen mit Kellerfalte dem Norfolkstil angelehnt. Trotz des sportlichen Charkaters besitzt sie ein steigendes Revers, was eher ungewöhnlich ist. Dazu kommt ein unifarbenes himmelblaues Hemd mit dunkelblauer, leicht gestreifter Krawatte. Zusammen mit dem grauen Fedora-Hut, blauen Socken und den beige-braunen Schuhen ein gelungenes Outfit.

Elegante Tageskleidung der 30er Jahre

Zweireihige Anzüge mit Spectator Schuhen
Zweireihige Anzüge mit Spectator Schuhen

Elegante Tageskleidung aus dem Jahre 1933 zeigt dieses Bild. Auf den ersten Blick unterscheiden sich die zweireihigen Anzüge der Herren im Vordergrund nur in der Farbe, bei genauerer Betrachtung finden sich beim grauen Angzug ein drittes, blindes Knopfpaar mit leichter Trapezstellung. Ebenso ist die Taillierung etwas ausgeprägter. Die farbliche Kombination aus weißem Hemd, blauer Krawatte mit Polka-dots und schwarz-weißen Cap toe Two-Tones zum grauen Anzug geht Hand in Hand. Die Kopfbedeckung erninnert mit der rundherum fallenden Krempe etwas an einen Safarihut.

Das Hemd zum braunen Anzug ähnelt farblich sehr dem aus dem vorigen Bild. Eine dunkelblau Krawatte mit Pin, gelbe Handschuhe sowie ein grauer Homburg finden sich an Accessoires.

Beide Anzüge haben eine gerade, breite Schulterlinie die in einer weichen Rundung (->shirt shoulder) in den Ärmel überläuft. Ebenso sind die Sakkos auf beide “echten“ Knopfpaare geschlossen, meist sieht man bei Zweireihern den unteren Knopf offen.

Sehr gelungen ist die Kombination aus grauen Flanellhosen sowie rostrotem Dreiknopf-Sakko des Herren im  Hintergrund. Die grüne Fliege gibt auf dem Hemd in gebrochenem Weiß einen schönen Kontrast und wirkt individuell ohne übertrieben herauszustechen. Auch er trägt Handschuhe wie auch einen Homburg sowie passende braun-beige Cap toe Schuhe. Im Reversausschnitt ist garade noch eine Weste oder Pollunder zu erkennen.

Smoking, Frack & Anzug

Abendgarderobe - Smoking, Frack & Anzug
Abendgarderobe – Smoking, Frack & Anzug

Drei Möglichkeiten der eleganten Abendkleidung sieht man in dieser Zeichung. Beginnend mit der “einfachen“ Ausführung trägt der Mann im Hintergrund einen soliden, kohleschwarzen Einreiher mit diskret steigendem Revers, welcher auf dem mittleren der drei Knöpfe geschlossen ist. In gleicher Höhe befindet sich die Taillenlinie des Sakkos, während die pasperlierten Tascheneinschnitte auf Höhe des unteren Knopfes liegen. Die Hemdmanschetten haben einen Idealen Abstand zum Sakkoärmel und zeigen im Ansatz die Manschettenknöpfe. Die Krawatte wirkt allerdings etwas zu dunkel in diesem Ensemble.

Linksaußen trägt der Herr einen Smoking mit breit auslaufendem Spitzrevers. Das Sakko wird offensichtlich über einen Knopf mit Kettchen lose geschlossen, darunter ist eine zweireihige Weste zu erkennen. Die Taille sitzt hier etwas tiefer und gibt eine schöne Linienführung am Oberkörper. Wie sein Nebenmann trägt er ein Hemd mit Kläppchenkragen.

Komplettiert werden die Abendgarderoben vom Frackanzug in der Mitte. Die Front zeigt drei trapezförmige Blindknopfpaare sowie 4 Knöpfe am Sakkoärmel. Die Hose verfügt über die zwei standesgemäßen Galons, die Frackweste und ein weißes Einstecktuch vervollständigen den Aufzug. Alle Herren tragen zu Ihren Anzügen schwarze Lacklederschuhe.

Stadtanzug

Ausgabe 1939/40 zeigt ein hervorragendes Outfit aus einem steingrauen Einreiher mit feinem, aber effektvollen Karo, sehr starker Taillierung und viel Drape

Rosa Winchester Hemd mit Kontrastkragen & grauem Anzug
Rosa Winchester Hemd mit Kontrastkragen & grauem Anzug

im Brustbereich. Der Oberärmel ist recht weit gehalten und verjüngt sich zur Manschette. Ein “Winchester-Hemd“ mit weißem Kragen auf rosa Grund und die rote Krawatte mit Sonnerwirbeln bringen Farbe ins Spiel. Das Einstecktuch wäre in anderer Farbe möglicherweise etwas stimmiger. Eine dunkelgraue, zweireihige Weste kommt im Reversausschnitt zur Geltung. Der braune Homburg-Hut besitzt eine hell eingefasste Krempe. Auch dieser Herr ist mit Handschuhen und edlem Spazierstock ausgestattet.

Modephotographie

Hänsel Photographien - vorzügliche Passform & Schnitt
Hänsel Photographien – vorzügliche Passform & Schnitt

Aus der gleichen Ausgabe noch ein Beispiel der Modephotographien mit zwei Sportanzügen sowie einem Zweireiher mit formellem Charakter. In diese Sakkojacken wurden jeweils Hänsel-Einlagenstoffe im Brust -und Schulterbereich verarbeitet.

Die Modezeichnungen des “Hänsel-Echos“ zeigen abwechslungsreiche Darstellungen aus allen Bereichen der Anzugmode mit teilweise recht interessanten Farbkombinationen. Ebenso werden zahlreiche Mäntel dargestellt, von denen ich bei anderer Gelegenheit einige zeigen werde.

Ist Ihnen das “Hänsel-Echo“ bekannt oder besitzen Sie möglicherweise eigene Ausgaben? Wie immer freuen wir uns über Ihre Kommentare.

3 Gedanken zu „Hänsel Echo – das andere Herrenmodemagazin der 30er Jahre“

  1. »Im Jahre 1908 […] In der kleinen deutschen Stadt Forst, nahe der polnischen Grenze, …«

    – ??

    sonst, danke für den interessanten Artikel!

  2. A few days ago I accidently (they were about to disappear into the bin) came into possession of 20 issues of this magazine in Dutch, dating from 1929 until 1939/40. The illustrations are simply exquisite showing a way of life in a different era. Simply gorgeous to look at.

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