Hemdenstoff Guide

Die kleine Hemdenkunde – Teil I – Material

Im folgenden soll ein grober Überblick über das Oberhemd geschaffen werden, wobei wir heute zunächst ausschließlich auf die Materialien eingehen. Weitere grundlegende Qualitätsmerkmale wie z.B. Verarbeitung oder Passform sollen in der Folge behandelt werden.

Material

Der Hemdenstoff  sollte aus 100%  natürlichen Fasern wie Baumwolle, Leinen, Wolle etc. oder einem Gemisch aus diesen Materialien bestehen.  Reine Baumwolle ist dabei als Hemdenstoff besonders beliebt. Das beste Rohmaterial bildet dabei die sogenannte ägyptische Baumwolle bzw. „Sea Island“ Baumwolle, da diese die längsten Baumwollfasern haben und aufgrund dieser Tatsache die besten Garne liefern. Bei der genaueren Einstufung der Qualität gibt es 2 Merkmale die überall anzutreffen sind und oftmals inflationär und inakkurat verwendet werden. Zum einen handelt es sich dabei um das Merkmal „2-ply“, „two-ply“ oder „doppelt gezwirnt“ und zum anderen um die Bezeichung „Super 100’s, 120’s…220’s“.

2-ply

Sobald aus dem Rohmaterial Garne gesponnen wurden, kann man diese Garne für die Stoffherstellung verwenden, man spricht dann von “single-ply” oder einfach gezwirntem Garn. Um jedoch Pilling des Stoffes zu verhindern, empfiehlt es sich, zwei solcher Garne nochmals miteinander zu verzwirnen bevor der Stoff gewebt wird. Man spricht dann vom Zwirn oder „2-ply“.  Zur Stoffherstellung benötigt man allerdings Kett- und Schussfäden, also Fäden die von oben nach unten- und von links nach rechts verlaufen. Hat man gleich viel Kett- und Schussfäden, so ist die Webung ausbalanciert, während z.B. bei einer Leinwandbindung häufig ein Verhältnis von 144 Kett-zu 76 Schussfäden besteht – es handelt sich dabei also nicht um einen ausbalancierten Stoff. Häufig wird der Begriff „2-ply“ verwendet, obwohl nur einer dieser Fäden doppelt gezwirnt wurde, während der andere einfach gezwirnt wurde. Ein echter „2-ply“ hat dagegen sowohl Kette als auch Schuss aus einem doppelt gezwirntem Faden, man spricht hier auch verkürzend von 2×2. Nur diese Art verdient den Namen „two-ply.

Super Angaben

Eigentlich sollte die Super Zahl bei Stoffen etwas für die Garnfeinheit des Stoffes aussagen. Bei einem Super 100’s sollte also ein Faden von 100m Länge ein Gramm wiegen. Je höher also die Superzahl, desto feiner bzw. dünner das Garn. Diese Einstufung taugt jedoch aus zweierlei Gründen nicht als Qualitätsmerkmal.

Zunächst ist diese Bezeichnung keineswegs geschützt, sodass jeder willkürliche Zahlen angeben kann, ohne dass dies den geringsten Aussagewert hat. Selbst wenn es jedoch die oben angeführte Definiton einheitlich gäbe, dann wäre einSuper 80’s Stoff nicht per se besser oder schlechter als ein Super 200‘s Stoff. Man könnte nur daraus schließen, dass in der Herstellung des Super 200’s Stoffes ein feineres Garn zum Einsatz kam als beim Super 80’s. In aller Regel wäre der Super 200’s auch wesentlich feiner als sein Super 80’s Pendant. Nur wenn die Zahl von renommierten Webern wie Alumo, Albini, Thomas Mason, Riva etc. verwendet wird, kann man davon verläßlich auf die Garnfeinheit schließen.

Persönlich mag ich z.B. Super 60’s oder 80’s Stoffe gerade wegen ihres höheren Gewichtes, und ihrer oftmals offenporigeren Struktur.  Auch ist ein solcher Stoff meist faltenresistenter als ein Hochgezwirnter. Hinzu kommt, dass Letztere oftmals auf maschinellen Webstühlen entstehen, die heute mit sehr hoher Geschwindigkeit arbeiten und tausende Meter von Stoff am Tag produzieren können, während  vor 20 Jahren nicht einmal 100m am Tag möglich waren. Der Nachteil dieser Stoffproduktion ist, dass durch die hohe Geschwindgkeit, und die daraus resultierende Spannung im Garn selbst, kleinste Risse entstehen, die sich mit bloßen Auge nicht erkennen lassen. Zunächst  hat der Stoff also eine Haptik wie schwere Seide und fühlt sich toll an. Sobald man das Hemd jedoch wäscht, lässt die Spannung der Garne nach, und schon nach ein paar Wäschen, zeigen sich auf dem Hemd kleine Falten aufgrund der Risse, die sich nicht mehr herausbügeln lassen.

Bügelfreie Hemden

Kaufen Sie keine bügelfreien Hemden. Auch wenn manche Hemden als „bügelfrei“ deklariert werden, so sind es diese in der Praxis nicht. Zwar lassen sie sich leichter bügeln als ein Hemd, welches nicht dem „Veredelungsprozess“ unterzogen wurde, jedoch bringt dies auch verschiedene Nachteile mit sich.

Bei der „Veredelung“ werden die Fasern chemisch behandelt, und geglättet was ihnen oftmals einen unangenehmen Griff verleiht. Zudem sind sie weniger belastbar und reißen besonders nach einigen Waschgängen leichter als regüläre Hemden, da die chemische Behandlung die Fasern steifer werden lässt. In einem Test vom WDR wurde dies bestätigt – dort kann man sich auch ein Video dazu anschauen.

Hinzu kommt, dass mir persönlich noch nie ein gutes und hochqualitives Hemd untergekommen ist, welches  mit dem Hinweis „bügelleicht“ oder „bügelfrei“deklariert war. Bügelfreie Hemden scheinen lediglich bei Hemden in der Preisklasse von 30-70 Euro vertreten zu sein, wovon Sie lieber die Finger lassen sollten. Stattdessen sollten Sie ihr Geld entweder für ein besseres Hemd ansparen oder auf Schlußverkäufe warten – bedenken Sie jedoch bei letzterem, dass die klassischen Designs im Schlußverkauf meist schon vergriffen sein werden oder nicht erheblich reduziert werden.

Stoffbeschaffenheit

Idealerweise wird der Hemdenstoff vor dem Zuschnitt mehrfach gewaschen, sodass das Hemd nach seiner Fertigung  nicht mehr einläuft bzw. seine Form verändert. Auch sollten die Farben des Hemdes bei weiteren Wäschen dann nicht mehr ausfärben. Abgesehen davon sollten Sie darauf achten, Stoffe auszuwählen, die den  Öko-Tex® Standard 100. Es handelt sich dabei um ein global einheitliches Prüf- und Zertifizierungssystem für Textilien aller Art, welches Schadstofffreiheit garantiert. Inzwischen gibt es einige Hersteller von hochwertigen Stoffen, die nach diesem Standard produzieren – Alumo ist hierfür ein gutes Beispiel.

Webarten

Je nachdem, zu welcher Jahreszeit und zu welchem Anlass man das Hemd tragen möchte, sollte man sich das dementsprechene Material in der gewünschten Webart sowie dem richtigten Gewicht zulegen.

Die Leinwandbindung ist die einfachste Bindung. Es werden einfach die Kett- und Schussfäden abwechselnd über und untereinander gewebt. Dieser Stoff lässt sich leicht einfärben, absorbiert allerdings relativ wenig Feuchtigkeit und knittert stark.

Ein Verwandter der Leinwandbindung ist der fil à fil. Der Unterschied besteht darin, dass beim fil à fil entweder der Schuss- oder der Kettfaden eine andere Farbe haben. Dadurch entsteht ein leicht changierender Farbeffekt.

Eine weitere Variation der Leinwandbindung ist der Voile. Abgesehen von der Webart sind hier nur die Kett- und Schuss fäden in sich gedreht, und zwar so sehr, dass sie überdrehen und so breiter werden. Deshalb braucht man weniger Garne und es entsteht eine sehr atmungsaktiver Stoff, weshalb der Voile ein prädestinierter Sommerstoff ist.

Vielen ist die Köperbindung besser bekannt als Twill. Hier ergeben sich stets diagonale Muster. Diese Webart ist sehr faltenresistent und wenn es Falten gibt, dann hängen sich diese verhältnismäßig leicht aus. Twill ist normalerweise teurer als z.B. ein Stoff der in Leinwandbindung gewebt wurde, da man feineres und deshalb mehr Garne benötigt. Fischgrat, Cavalry, Hahnentirtt, Denim oder Gaberdine sind allesamt eine Variation der Köperbindung.

Zu den bekannteren Webarten gehört auch die Familie der Panamabindung und ihre Variationen. Im Grundsatz wird hier ähnlich wie bei der Leinwandbindung gewoben, wobei jedoch mehrere Kett und Schussfäden zusammengenommen werden, sodass sich ein 2×2 Korbgeflecht ergibt oder es wird 2×1 gewoben, teilweise auch mit verschiedenen Farben. Der vielen wohl bekannte Oxford-stoff entstammt dieser Familie.

Jahreszeiten und Anlass

Für formellere Hemden bzw. Business Hemden bieten sich wohl am ehesten die Leinwandbindung und feine Köperbindungen in den Farben von weiß in all seinen Varianten bis hin zu den unzähligen Schattierungen von blau an. In ihrer Freizeit gibt es dagegen kaum Beschränkungen – es sei denn Sie  überspannen den Bogen des guten Geschmacks. Im Winter oder im Herbst wird man eher dickere Stoffe wählen, die wenig luftdurchlässig und etwas schwerer sind, während im Frühjahr und Sommer leichte und  offenporige Stoffe wohl die bessere Wahl sein dürften.

 

6 Gedanken zu „Die kleine Hemdenkunde – Teil I – Material“

  1. Hallo,
    vielen Dank für diesen Artikel mit sehr nützlichen Informationen. Leider funktionieren nicht mehr alle Links.
    Der Titel suggeriert es gibt auch noch mindestens einen Teil 2? Leider habe ich diesen nicht gefunden. Wenn Sie den verlinken würden wäre das Klasse!

    Danke
    Matthias

  2. Tolle Tipps. Leider funktionieren die Links bei mir nicht. Evtl. kann man das nachträglich korrigieren.
    Lieben Dank.
    LG Marcus

  3. Schöner Artikel! Wieso ist Popeline nicht erwähnt? Davon hört man schließlich recht häufig beim Hemdenkauf.. Laut wikipedia handelt es sich um eine Unterart (?) der Leinwandbindung.

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