Der Stresemann Anzug

Der Stresemann Anzug

Gerade bei Hochzeiten stellt sich insbesondere für den Bräutigam die Frage, wie er sich nun zu diesem festlichen Anlass kleiden soll. Früher war es je nach Zeitpunkt der Trauung für den Bräutigam traditionell üblich adäquate Gesellschaftskleidung zu tragen. Man wählte also entweder den Cut am Vormittag und Nachmittag oder den Frack am Abend. Die langen Schöße dieser beiden Kleidungsstücke bildeten dabei das Pendant zum langen Schleier des Brautkleides.

Gustav Stresemann

Gustav Stresemann

Auch heute findet man noch gelegentlich einen Bräutigam, der sich extra für das große Fest eine solche entsprechende „Ausstattung“ zulegt, jedoch werden die meisten vornehmlich aus zwei Aspekten vor einer solchen Anschaffung zurückscheuen. Zum einen haben die meisten wenig bis gar keine Gelegenheit ihren Cut oder Frack außerhalb der Hochzeit noch einmal zu tragen und zum anderen ist der hohe Anschaffungspreis für ein solches Outfit, inklusive Schuhen, Hemd und Accessoires für viele schlichtweg zu hoch. In einer solchen Situation sollte man dann an den kleinen Gesellschaftsanzug am Tage denken – den Stresemann.

Die Geburt & die Geschichte des Stresemann Anzuges

Gustav Stresemann im Stresemannanzug

Gustav Stresemann im Stresemannanzug

Es ist selten, dass man in der Herrenkleidung ein bestimmtes Datum festmachen kann, an dem ein Kleidungsstück erfunden wurde. Im Falle des Stresemann steht jedoch fest, dass er bei der Unterzeichnung der Verträge von Locarno, welche am 1. Dezember 1925 in London stattfand, vom damaligen „deutschen“ Außenminister Gustav Stresemann ins Leben gerufen wurde. Für solch eine Zeremonie sah das Protokoll eigentlich den Cut vor, zumal es sich um ein bedeutendes politisches Ereignis handelte. Stresemann ignorierte dies jedoch und trug zum traditionell schwarz-grau gestreiften Beinkleid einen schwarzen Sakko an. In der Folge fanden sich in Deutschland rasch viele Nachahmer und so war die Gattung des Stresemann geboren.

prünglich handelte es sich beim Stresemann konkret um einen einreihigen,schlitzlosen, schwarzen Sakko mit Paspeltaschen, der mit einer schwarzen Weste und einem umschlaglosen grauen-schwarz gestreiften Beinkleid kombiniert wurde, wobei das weiße Hemd eine steifen, gestärkten Kläppchenkragen aufwies und dazu eine Krawatte getragen wurde. Wie auch beim Smoking wurde jedoch schon bald darauf, der korrekte Kläppchenkragen des Hemdes gegen den ungestärkten uns somit weicheneren und bequemeren

Stresemann 1950

Stresemann 1950

Umlegekragen ersetzt. Weiterhin sah man nun auch oft bordierte Sakkos beim Stresemann, was das Ensemble nochmals förmlicher wirken ließ. Als Kopfbedeckung wählte man entweder eine schwarze Melone oder einen Eden. Nach ein paar Jahren war der Stresemann so beliebt, dass man ihn oft anstatt des Cuts wählte und so überrascht es kaum, dass auch das Beiwerk des Stresemann immer mehr dem des Cut angeglichen wurde. D.h. die Krawatte war nun oftmals silber oder silbergrau und die Weste wurde auch in einem helleren Grau gewählt.

In der noch jungen BRD waren es dann der Bundespräsident Theodor Heuss sowie Bundeskanzler Konrad Adenauer, die den Stresemann oft bei offiziellen Anlässen in der Bundeshauptstadt trugen und ihm so viel Aufmerksamkeit bescherten, dass sich sich der Terminus „Bonner Anzug“ einbürgerte. In den USA gab es eine dem Stresemann recht ähnliche Anzugsgattung die sich „Stroller“ nennt. Dabei handelt es sich, ähnlich dem Stresemann, um eine Kombination aus dunklem Sakko und hellerer Hose wobei es egal ist ob der Sakko ein oder zweireihig ist oder welche Muster oder Farben verwendet werden. Genaugenommen könnte man sagen, dass der Stresemann ein spezieller Stroller ist.

Der Stresemann heute

Heute spricht man nicht mehr vom Bonner Anzug sondern schlichtweg vom Stresemann. An der Zusammenstellung hat sich jedoch nicht viel verändert. Ausgangspunkt ist nach wie vor ein einreihiger ein- oder zweiknöpfiger schwarzer oder anthrazitfarbener Sakko, wobei steigende Revers und Paspel- (anstatt Pattentaschen) das Ensemble noch formeller wirken lassen.  Dazu kann man die traditionelle schwarz-grau gestreifte umschlaglose Hose wählen oder aber zu einem Hahnentritt- oder Glencheckmuster greifen. Auch in Kombination mit einer uni-farbenen hellgrauen Hose sind Sie festlich gekleidet. Die Weste kann entweder im gleichen Stoff wie der Sakko gearbeitet sein, oder beispielsweise aus Leinen in einem helleren Grauton gehalten sein. Gepaart mit einem weißen Hemd, einer silber-grauen Krawatte, schönen Manschettenknöpfen und glatten schwarzen Schuhen hat man ein ideales Hochzeitsoutfit welches sehr elegant wirkt und einem solchen Anlass angemessen ist. Wer es etwas extravaganter mag, könnte sich z.B. anstatt der Krawatte eine Lipton Schleife (marineblau mit weißen Polka

Dots) umbinden. Es gibt also zahllose Möglichkeiten seinen individuellen Stil zum Ausdruck zu bringen.

Der Stresemann für die Hochzeit

Stresemann Anzug mit gestreifter Hose und zweireihiger Weste

Stresemann Stroller Suit with grey waistcoat and cashmere stripe trousers

Da der Stresemann genauso wie der Cut lediglich ein Kleidungsstück für den Vormittag ist, sollte man am Abend eine Hose aus dem gleichen Stoff anziehen. Wenn Sie also einen schwarzen oder einen anthrazitfarbenen Anzug kaufen, benötigen sie lediglich noch eine Weste und eine gestreifte Hose. Die Hose kann abends problemlos und schnell gewechselt werden und fertig sind ihre zwei kompletten Hochzeitsoutfits. Gleichzeitig können Sie den Anzug auch in Zukunft noch tragen und beispielsweise auf anderen Hochzeiten auch als Gast im Stresemann erscheinen. Auf diese Weise haben Sie ein schönes Hochzeitsensemble, welches sie auch noch nachher immer gut gebrauchen können – sei es bei der Arbeit, im Theater oder bei sonstigen formellen Anlässen am Tage.

In der Bildergalerie sehen sie Stresemann-Outfits zunächst von Stresemann persönlich aus den 20ern, und von anderen aus den 30ern, den 50ern und von 2010.

Die zwei Bilder von Gustav Stresemann sowie die verlinkten Bilder von Adenauer und Heuss sind Eigentum von:“Deutsches Bundesarchiv

11 Antworten
  1. Oliver M.
    Oliver M. says:

    Vielen Dank für den Artikel.

    Eine Frage: Warum schreiben Sie ‚“deutschen“ Außenminister‘ und lassen nicht die Anführungszeichen weg? Stresemann war doch offensichtlich Außenminister des deutschen Reiches. War das Reich damals etwa nicht deutsch genug?

    Mit verwirrten Grüßen

    Antworten
    • Sven Raphael Schneider
      Sven Raphael Schneider says:

      Lieber Oliver M.,

      Wenn man heute von einem deutschen Außenminister spricht, bezieht sich das auf die Bundesrepublik Deutschland. Da es diese damals noch nicht gab, habe ich die Anführungszeichen benutzt.

      Beste Grüße, Sven Raphael Schneider

      Antworten
  2. Germania
    Germania says:

    Vielleicht gibt es deutsch überhaupt erst seit der deutschen Einigung? Und alles vorangegangene war höchstens „deutsch“ in Anführungszeichen. Vielleicht passiert ja in der Zukunft etwas, das Deutschland noch deutscher macht, so dass auch alles heutige „deutsche“ in Anführungszeichen muss. Oder „Deutschland“ fällt ganz und gar in Ungnade, wird umbenannt oder einem anderen Land eingegliedert, dann gibt’s nur noch „deutsch“ in Anführungszeichen.

    Antworten
  3. Sven Raphael Schneider
    Sven Raphael Schneider says:

    Lieber Germania,

    danke für Ihren ironisch angehauchten Kommentar. Sollten Sie daran interessiert sein, den Ursprung des Wortes „deutsch“ (mit und ohne Anführungszeichen) zu recherchieren, dürfen Sie gerne einen Artikel dazu schreiben, den wir dann veröffentlichen würden (vorausgesetzt er erfüllt unsere Standards).

    Beste Grüße,

    Sven Raphael Schneider

    Antworten
  4. Klaus F. Loebbert
    Klaus F. Loebbert says:

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    der gezeigte Stresemann Anzug mit Weste und Hose gefällt mir sehr, ich bitte um ein
    Preisangebot , Kleidergröße 27,
    im Voraus herzlichen Dank
    Klaus F. Loebbert

    Antworten
  5. Gabriele Haslberger
    Gabriele Haslberger says:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich habe mich doch sehr gewundert bei wikipedia zu lesen, dass der Stresemann heutzutage als fast ausgestorben gilt, ist er doch in den Bayerischen Trachtenvereinen stark verbreitet und als „Zweithose“ zum „Forstgrünen“ Trachtenanzug oft getragen.
    Schöne Grüße aus Oberbayern
    Gabriele Haslberger

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Trackbacks & Pingbacks

  1. […] mit der Anschaffung eines Stresemann Anzgus geliebäugelt, nachdem er  unseren Artikel über den Stresemann gelesen hatte. In der Folge las er jedoch einen Beitrag von Nicholas Antongiavanni, dem Autor von […]

  2. […] – sehr beliebt. Selbst zu diesem Zeitpunkt bestand jedoch die Anzugkombination, abgesehen vom Stresemann, in der Regel nur aus einem unifarbenen oder gemusterten Sakko und einem stets ungemustertem […]

  3. […] dann in einem schönen Paisley Dressing Gown. Sein Diener ist dagegen fast ausschließlich in einem Stresemann Anzug mit schwarzer Weste zu sehen, zu dem er ab und an eine schwarze Melone […]

  4. […] wirklich ausgezeichnet, vor allem Herren kommen in den ersten beiden Teilstücken auf Ihre Kosten.Stresemann , Cutaway & FrackZu Beginn des Films sieht man Lord Frinton in einem makellosen Stresemannanzug […]

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